Archiv für August 2010

Kriegsanleitung – Das „Counterinsurgency Field Manual“

Große mediale Aufregung herrschte im Juli über die „wikileaks“-Veröffentlichung von 92.000 Dokumenten des US-Militärs zum Afghanistan-Krieg, versehen mit dem Stempel „Geheim“. Ignoriert wurde, dass von ranghöheren Autoren verfasste, analysierende und zusammenfassende Texte zum selben Thema seit langem in der Zeitschrift „Military Review“ veröffentlicht werden und dass die „Doktrin“, also die verbindliche Handlungsanleitung, ebenfalls öffentlich zugänglich ist. Das „Counterinsurgency Field Manual“, zu Deutsch „Feldhandbuch der Aufstandsbekämpfung“ stellt einen Wendepunkt im strategischen und taktischen Denken der führenden Militärmacht dar. Es ist ein Gemeinschaftswerk der Führungsstäbe der US Army und des Marine Corps in Verbindung mit diversen dem Militär nahe stehenden Einrichtungen, jedoch nicht des Verteidigungsministeriums oder anderer Stellen der Bundesregierung. Es wurde zum Ende der Regierung Bush unter der Leitung des Generals David Petraeus – zugleich studierter Historiker – entwickelt, damals Kommandeur im Irak, seit kurzem in Afghanistan. Petraeus gilt, das sei gesagt um die Bedeutung des folgenden besser würdigen zu können, in den USA als Architekt des Sieges über Saddam Hussein und persönlich als beinharter Kriegsheld. Zweck des Manuals ist es, Prinzipien herauszuarbeiten mit deren Hilfe die USA und ihre Verbündeten instabile Regionen und Staaten beherrschen und so vorbereiten können, dass auch ohne US-Streitkräfte ein genehmes Staatsgebilde entsteht und sich halten kann. Von diesem grundsätzlich imperialistischem Anspruch einmal abgesehen, bricht der Text aber mit den Erwartungen jedes Lesers, seien es Politiker, Militärs oder Friedensbewegte. Die Überraschungen beginnen damit, dass die US-Militär-Führung, bzw. die Teile, die Petraeus und der mittlerweile abservierte General McChrystal repräsentieren, bei weitem durchdachter, weitsichtiger, geschmeidiger und gewaltärmer argumentiert als die Obama- oder gar die Bush-Administration, von deren komplettem Versagen sie im übrigen ausgeht. In klarem Englisch, mit vielen historischen Beispielen und einer an Paradoxien reichen Argumentation wird herausgearbeitet, warum die herkömmlichen militärischen Herangehensweisen in Situationen besetzter „gescheiterter Staaten“ nicht funktionieren und dringend neue her müssen. Der Begriff des „Sieges“ sei beispielsweise fragwürdig und variabel geworden. Das Scheitern wird immer für möglich gehalten, der Anpassung und Lernfähigkeit höchste Priorität eingeräumt. Mit Bezug auf Mao Zedong (!) wird den politischen Aktionen der Vorzug vor militärischen Operationen eingeräumt. Von den Kommandeuren verlangt das Manual, ihren Fokus von den bewaffneten Gegnern auf die Bevölkerung zu verlagern, oder um mit Mao zu sprechen, sich weniger mit den „Fischen“ zu beschäftigen als dem „Wasser“ in dem diese schwimmen. Zu diesem Zweck bedürfe es zeitweilig sehr vieler Soldaten, die in ständigem Kontakt mit der Zivilbevölkerung stehen sollten. Der Einsatz schwerer Waffen sei dabei sinnlos oder kontraproduktiv. Wirkliche Sicherheit entstehe eben gerade durch Verzicht auf die Sicherheit gepanzerter Fahrzeuge und Stützpunkte. Viele eigene Tote seien demzufolge in der Anfangszeit in Kauf zu nehmen. Der körperlichen Unversehrtheit der Bevölkerung wird Priorität eingeräumt, wohlgemerkt nicht aus humanistischen, sondern aus kaltschnäuzig militärischen Erwägungen. Gewalt gegen Zivilisten – die berüchtigten „Kollateralschäden“ – oder deren Entehrung werden als die eigentliche Quelle der Macht der Aufständischen beschrieben. Dieses Konzept ist nicht weniger als das exakte Gegenteil dessen, was die Army ihren Offizieren und Soldaten jahrzehntelang antrainiert hat. Ausführlich beschäftigt sich das Manual mit interkulturellen Fragen, Aspekten der Kommunikation mit Zivilisten, der Bündnispolitik mit einheimischen gesellschaftlichen Gruppen, dem Aufbau örtlicher Sicherheitskräfte, der Integration von zivilen Maßnahmen und dem Verhältnis von kurzfristigen und langfristigen Zielen. Das „Killen“ der Gegner wird selbstverständlich und offenherzig als Option aufrechterhalten, aber nur als eine unter vielen, die dem Gesamtzweck nicht entgegenstehen darf. Hier liegt auch der tiefere Grund für die aggressiven Reaktionen des US-Militärs auf das deutsche Kundus-Massaker oder auch auf das Vorgehen der israelischen Armee, deren Führung von Seiten McChrystals unmittelbar für den Tod amerikanischer Soldaten verantwortlich gemacht wurde.

Thomas Willms

The U.S. Army/Marine Corps Counterinsurgency Field Manual No., 472 Seiten,
ca. 10 $, erhältlich im Online-Buchhandel

Ausstellung „Neofaschismus in Deutschland“ vom 1. bis 15. September im Peter-Weiß Haus in Rostock!

In der Bundesrepublik werden Menschen beschimpft, bedroht, zu Tode getreten oder bei lebendigem Leibe verbrannt, weil sie als Fremde oder Andersdenkende gehasst werden – über 100 Todesopfer hat die neofaschistische Gewalt seit 1990 bereits gefordert. Geht hier die jahrelange Saat von Alt- und Neofaschisten auf? Können diese Ereignisse mit denen aus der NS-Zeit verglichen werden? Haben die Ausbreitung rassistischen Denkens und die daraus erwachsende Gewalt heute ganz andere Gründe als damals? Die Ausstellung „Neofaschismus in Deutschland“ will dazu beitragen, dass diese Bilder nicht auf Dauer zum deutschen Alltag gehören. Sie informiert über Ideologie und Praxis des Neofaschismus und benennt Ursachen für die Ausbreitung rassistischen, nationalistischen und militaristischen Denkens und Handelns.
Die Ausstellung ist vom 1. bis 15. September in Rostock im Peter-Weiß Haus (Doberaner Straße 21, 18057 Rostock) zu sehen. Neben der Ausstellung selbst gibt es verschiedene Veranstaltungen, zu denen ihr alle herzlich eingeladen seit:

1. September 2010 (Mittwoch)
Eröffnung der Ausstellung im Peter-Weiß Haus
Vortrag mit Dr. Axel Holz, Landesvorsitzender der VVN-BdA M-V e.V.
Start: 19Uhr30

4. September 2010 (Sonnabend)
Zeitzeugenbericht mit Dr. Johanna Jawinsky „Dreimal besetzt“
Dr. Johanna Jawinsky berichtet über ihre Erlebnisse in der Zeit des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit. Als kleines Mädchen wohnte sie in einem Haus, in dem zuerst die Wehrmacht, dann die Amerikaner und zum Schluss die Rote Armee einzog. Wie hat sie als Kind die unterschiedlichen Armeen erlebt? Was hat sie dabei gefühlt? Wie hat sie und ihre Familie ge – und überlebt? Das sind Fragen, mit denen sich Dr. Jawansky in ihrem kurzen Vortrag beschäftigt.
Anschließend folgt eine Diskussion, bei der Alle herzlich eingeladen sind, sich mit vielen Fragen an ihr zu beteiligen.
Start: 18Uhr in der Stephanstraße 17 (im Keller)

12. September 2010 (Sonntag)
Alljährliches Gedenken an die Opfer des Faschismus am Zweiten Sonntag im September – Start: 10 Uhr am Rosengarten

5. September (Sonnatag)
„Frauen in der rechten Szene“´
Die Veranstaltung findet am 5. September im Peter-Weiß haus statt. Beginn ist 17 Uhr.

Die allgemeinen Öffnungszeiten der Ausstellung lauten wie folgt:
Montag bis Freitag: 10.00 bis 18.00 Uhr
Sa und So: 11.00 bis 18.00 Uhr

Neofaschist_Innen ist der Zutritt zu allen Veranstaltungen sowie der Ausstellung selbst untersagt!

Eine Ausstellung der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten e. V. (VVN–BdA),
mit Unterstützung der Vereinten Dienstleistungs- gewerkschaft ver.di – Landesbezirk Nord

Erinnerung soll ausgelöscht werden

Die Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora/ Freundeskreis e.V. verurteilt in aller Schärfe die jüngsten Angriffe auf die Internet-Präsentation der Gedenkstätte Buchenwald.

Anfang der 90er Jahre propagierten Neonazis, dass Deutschland nur auf den Trümmern der KZ-Gedenkstätten wieder groß werden könne. Dieses Ziel haben sie – durch den aktiven Einsatz der Überlebenden und Antifaschisten sowie die breite gesellschaftliche Debatte – nicht erreicht. Jedoch waren immer wieder neofaschistische Provokationen in der KZ Gedenkstätte Buchenwald und an anderen Orte des Gedenkens zu verzeichnen.

Nun versuchen offenkundig Neonazis auf elektronischem Wege durch einen Hacker-Angriff auf die Homepage der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora das politische Gedenken zu behindern. Besonders pervers ist dabei die Umleitung auf Seiten der Holocaust-Leugnung.

Die eigentliche Zielrichtung dieses Angriffes wird darin sichtbar, dass die Täter den Zugang zum Totenbuch des KZ Buchenwald beschädigt haben. Es geht ihnen offenkundig darum, die Erinnerung an die weit über 50.000 Opfer der faschistischen Verbrechen in Buchenwald auszulöschen. Das ist Leugnung des faschistischen Massenmordes und ist nach dem Straftatbestand der Volksverhetzung zu verurteilen.

Die Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora/ Freundeskreis e.V. steht gegen solche Angriffe auf der Seite der Gedenkstätte Buchenwald. Gemeinsam mit allen antifaschistischen Kräften in unserem Land wirken wir für die Bewahrung des Vermächtnisses der Überlebenden des Lagers und der Umsetzung des Schwurs von Buchenwald: Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln, Schaffung einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit!

Thor Steinar Geschäft „Tønsberg“-Boutique in Schwerin zieht aus

Vor einigen Monaten eröffnete in Schwerin ein neues Geschäft der Marke Thor Steinar. Vereine und verschiedene Persönlichkeiten aus dem zivilgesellschaftlichen Leben ´, sowie ein breites Bündnis hatten sich gegen den Laden gestellt. Jetzt scheint etwas Bewegung in die Sache zu kommen.
Der Vermieter der Immobilie unternehme verschiedene zivilrechtliche Schritte, um die Kleidermarke Thor Steinar, die als „identitätsstiftendes Kennzeichen von Rechtsextremisten“ gilt, aus dem Hause zu entfernen.
Im Juni hatten Schweriner Stadtvertreter eine fraktionsübergreifende Resolution verabschiedet, gegen nur die NPD-Vertreter stimmten. Ein Sprecher des „Bürgerbündnisses für Demokratie und Menschenrechte“, kündigte zum 3. September ein Straßenfest vor der „Tønsberg“-Boutique an: „Entweder können wir dann schon das Ende des Geschäftes feiern oder müssen weiter dafür demonstrieren.“




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