Geschichte: „Ein deutscher Mythos“ – 100 Jahre Erster Weltkrieg

Geschichte. Das »Augusterlebnis«, die Rede vom sich erhebenden Volk, das gemeinsam in den Krieg zieht, ist eine Legende. Nicht jubelnd, aber naiv marschierten viele Deutsche in den Ersten Weltkrieg.

Von Kurt Pätzold

Kommt die Rede auf den Beginn des Ersten Weltkrieges, fällt früher oder später das Wort vom »Augusterlebnis«. Und von da ist es dann nur ein kurzer Gedankensprung zum »Geist von 1914« oder den »Ideen von 1914«, von denen niemand so genau sagen kann, was sie eigentlich waren. Mit ihnen verbindet sich ein noch über Jahre nach dem Kriege gepflegtes Propagandabild. Es ist das vom sich gemeinsam und entschlossen erhebenden Volk, von der »Volksgemeinschaft«, die in den Krieg zieht, das Vaterland zu verteidigen. Das lebe in den Millionen fort, die »dabei waren«, wird kolportiert.

Die Verwandtschaft zu älteren Sprachbildern wie dem Theodor Körners von 1813 »Das Volk steht auf, der Sturm bricht los« liegt zutage. Ein Vergleich beider durch ein Jahrhundert getrennter Kriege ergibt Gemeinsames und Unterscheidendes. Die sich gegen Napoleon erhoben, und das war beileibe nicht das ganze deutsche Volk, erstrebten das Ende einer Jahre währenden Fremdherrschaft und Besatzung, die ihnen schwerste Lasten auferlegt hatte. Sie waren in manchen Gegenden bis aufs Hemd ausgeplündert worden und dem Verhungern nahe. Ihr Motiv rührte vielfach von eigener Erfahrung oder der ihnen Nahestehender her. Die 1914 auszogen, wurden hingegen mit einer Lüge motiviert, wonach Rußland, Frankreich und Großbritannien Deutschland angegriffen hätten, weil sie alle es um seinen Aufstieg beneideten und nicht »hochkommen« lassen wollten.

Zu den Unterschieden gehört weiter, daß die Zeitgenossen von 1813 wußten, was Krieg bedeutete, namentlich die Preußen aus ihrer Erfahrung von 1806/07, zum anderen aus Berichten vom Feldzug gegen Rußland 1812, an dem Kontingente deutscher Staaten teilgenommen hatten und aus dem weniger die Preußen, jedoch die nach Moskau gezogenen Bayern, Württemberger und Männer aus anderen deutschen Landen nicht zurückkehrten. 1914 hingegen lag der letzte Krieg, den Deutsche erlebt hatten, mehr als 40 Jahre zurück. Er war jenseits der deutschen Grenzen in Frankreich ausgetragen und gewonnen worden. Die Zahl der Kriegstoten wurde amtlich mit nahezu 44000 angegeben, sie enthält die Zahl der während der Kämpfe Umgekommenen und die jener, die Verwundungen und Krankheiten erlagen.

Vor allem aber: In den Krieg des Jahres 1813 gingen die Preußen an der Seite des zaristischen Rußlands, dessen Armee den Eroberer aus dem eigenen Lande schon vertrieben hatte, dazu mit Schweden und dann auch, was zu erwarten war, mit Österreich. Es formierte sich eine antinapoleonische Übermacht. 1914 hingegen machte sich Deutschland zum Verbündeten des altersschwachen Österreich-Ungarn. An Stelle der einen Front gegen den Franzosenkaiser entstanden binnen weniger Tage drei. Die kurze österreichische gegen Serbien, wo die Truppen des slawischen Königreiches gemeinsam mit denen Montenegros standen, die lange gegen das Zarenreich, die von der rumänischen Grenze durch das dreigeteilte Polen bis an die Ostsee reichte, und die immer länger werdende gegen die Französische Republik und das überfallene Belgien, die sich von der schweizerischen Grenze bis zur Nordsee dehnte und etwa 700 Kilometer maß. Ein Blick auf die Landkarte Europas und ein weiterer in die demographischen und wirtschaftlichen Daten der einander bekriegenden Blöcke, hier die zwei sogenannten Mittelmächte und dort das Dreierbündnis der Entente, hätte die Augusttage für die Deutschen zu einer sich hinziehenden Denkstunde machen können, ja müssen.

Erinnerung an Sedan
Statt dessen? Das wieder und wieder so erzählte »Augusterlebnis«: Das kaisertreue deutsche Volk überschreitet im Gleichschritt die Kriegsschwelle. Viele fühlen sich erhoben, ja befreit. Sie sind siegesgewiß und frohen Mutes und nicht wenige ergriffen von einem Gefühl der Dankbarkeit darüber, daß sie ein eintöniges, langweiliges, allzu sattes und keine höheren Ziele kennendes Dasein hinter sich lassen konnten. Mit dieser Schilderung deutscher Befindlichkeit, die schon inmitten der Ereignisse und nicht erst aus dem Rückblick gegeben wurde, sollte auch bezeugt sein: Ein Volk, das so hochgestimmt auf die Schlachtfelder zieht, kann das nur ohne Arg und reinen Herzens getan haben und nicht um irgendwelcher schnöder materieller Ziele willen. Hitler behauptete in seiner Propagandaschrift »Mein Kampf«, die Deutschen hätten den Krieg geradezu »begehrt« und kritisierte die kaiserliche Führung, weil sie ihn nicht früher selbst begann und so angeblich den Zeitpunkt mit den besten Siegesaussichten verpaßt habe.

Welche Zeugen und Zeugnisse wurden von jenen präsentiert, die das »Augusterlebnis« lange nach Kriegsende wieder und wieder so ausmalten und die Nation in einem Zustand beschrieben, den sie sich als wiederkehrenden und dann dauernden wünschten, den der Volks- oder Kriegsgemeinschaft? Dafür werden bis heute vor allem Fotografien vorgewiesen, auf denen drei Szenen dominieren. Auf den einen sind Ansammlungen von Menschen zu sehen, die auf Plätzen oder Straßen den Kriegsbeginn bejubeln. Aus der Menge werden als Zeichen der Begeisterung Arme zum Himmel gereckt, Stöcke hochgeschwungen, Mützen und Hüte in die Luft geworfen. Und es werden andächtig patriotische Lieder gesungen. Schon dem flüchtigen Betrachter mag auffallen, daß die dort Zusammengeströmten meist in ihren Sonntagskleidern erschienen sind, und das sind nicht die der arbeitenden Schichten, wie ein Vergleich mit jenen Bildern erweist, die während Kundgebungen der Sozialisten gemacht wurden, beispielsweise von Friedensdemonstrationen nur wenige Tage zuvor. Der 1. August 1914 war ein Samstag – und da wurde im Deutschen Reich gearbeitet.

Auf anderen Fotografien sind an Straßenrändern Menschen zu sehen, die die in lockeren Kolonnen an die Fronten abrückenden Soldaten verabschieden. Manche begleiten die Uniformierten auch auf dem Weg zu Sammelplätzen in Kasernen oder zu Bahnhöfen. Jungen sind abgebildet, die das Gewehr ihres Vaters tragen dürfen, und Frauen oder Bräute, eingehängt am Arm des Geliebten. Auf wieder anderen drängen sich Einberufene, noch in ihrer Zivilkleidung, an Türen und Fenstern von Eisenbahnwaggons, meist frohen Gesichts den Zurückbleibenden zuwinkend. Würden manche nicht an geöffneten Schiebetüren von Güterwagen stehen, ließe sich glauben, hier begebe sich ein Männerverein auf einen Ausflug. Dem widersprechen aber auch die Aufschriften an den Waggonwänden, die mehr oder – meist – weniger gewandt mit Kreide da hingemalt wurden. Da werden die französische Hauptstadt und ihre Boulevards als Reiseziel angegeben. Ein die bayerische Hauptstadt verlassender Zug trägt die Aufschrift »München über Metz nach Paris«, und das war noch eine der harmloseren. Andere Texte drückten die Überzeugung aus, Weihnachten wieder zu Hause zu sein.

Wie lassen sich diese Bilder, keine gestellten Aufnahmen für Propagandazwecke, sondern Schnappschüsse, und die sich auf ihnen ausdrückende Stimmung erklären? Wie, daß ein Kriegsbeginn zur Feier nach der Art eines Volksfestes wird? Eine Rolle mochte spielen, daß eben, wer sich des letzten Krieges erinnerte, an dem deutsche Truppen beteiligt waren, mehr als vier Jahrzehnte zurückdenken mußte. Die als junge Burschen an ihm teilgenommen hatten, standen an der Schwelle zum siebten Lebensjahrzehnt. Das bedeutete auch, daß bei der damaligen Lebenserwartung ein erheblicher Teil der Krieger nicht mehr am Leben war. Dieser deutsch-französische Krieg hatte 1870/71 kaum mehr als ein halbes Jahr gedauert. Dann war am 28. Januar 1871 ein Vorfriede geschlossen worden, die belagerte Hauptstadt Paris kapitulierte. Die Waffen schwiegen. Die Erinnerung daran lebte auch deshalb fort, weil Jahr für Jahr – ohne Teilnahme der Sozialdemokraten – am »Sedantag« des kriegsentscheidenden Sieges gedacht wurde, der in der Schlacht bei der nordfranzösischen Stadt nahe der belgischen Grenze errungen worden war, in der auch der Kaiser der Franzosen, der dritte Napoleon, in Gefangenschaft geriet.

Wichtiger als dieser zu falschen Schlußfolgerungen führende Blick zurück mochte für die Haltung der den Kriegsbeginn Feiernden sein, daß sie trotz bestehender Warnungen keine Ahnung von dem besaßen, was ihnen und vor allem den Soldaten in den nun auszutragenden Schlachten bevorstand. Außerdem waren auch die Kriege der letzten Jahre, von denen sie aus Zeitungen erfuhren, von kurzer Dauer gewesen und hatten zudem fern von ihren Wohnsitzen stattgefunden. Das galt für die Balkankriege 1912/1913, für den Krieg Italiens gegen das Osmanische Reich im Norden Afrikas um den Besitz Libyens 1911, für den russisch-japanischen von 1904/05, für die Burenkriege an der Jahrhundertwende und für den der USA gegen Spanien 1898. Und wiewohl dabei neu entwickelte und modernisierte Waffen eingesetzt worden waren, hatte dies nur ein Vorspiel dessen dargestellt, was nun folgte: der massenweise Einsatz neuartigen Kriegsgeräts. Zum Beispiel von Gewehren mit größerer Reichweite, rascherer Schußfolge, höherer Zielgenauigkeit, von Maschinengewehren und Flammenwerfern und weittragenden Artilleriegeschützen mit vervielfachter Sprengkraft, von Flugzeugen, Zeppelinen, Unterseebooten – und Giftgasen. Und obgleich Militärs darauf hingewiesen hatten, daß sich mit der Technisierung und Industrialisierung des Krieges künftige Kriegsverläufe einschneidend ändern würden, hielt sich der Glaube an eine einzige Schlacht, die den Ausgang entscheiden werde, noch immer, so wie die von Leipzig 1813, Waterloo 1815, Königgrätz 1866 und eben Sedan 1870.

So ist es ein Bündel von im einzelnen zu gewichtenden Tatsachen, das hilft, die Gesichter und Gesten zu enträtseln, die dem Betrachter auf Fotografien aus den ersten Augusttagen 1914 begegnen. Die Aufnahmen sind keine Fälschungen, doch wurden sie dazu gemacht, als sie zu Zeugnissen für die allgemeine Volksstimmung aufgewertet wurden. Dagegen stehen Quellen aus anderen Lebensbereichen, aus Dörfern und Städten ohne Massenaufgebote an kaisertreuem Bürgertum und ohne Horden verbildeter Studenten, die es gar nicht erwarten konnten, das Buch gegen das Gewehr, den Hörsaal gegen das Schlachtfeld zu tauschen.

Ernste, gedrückte Stimmung
Bietigheim ist eine württembergische Kleinstadt zwischen Stuttgart und Heilbronn. Der Ort, in dem sich Eisenbahnlinien kreuzen, besaß um 1914 nahezu 4000 Einwohner. In der Chronik der Stadt, rekonstruiert vor allem aus Meldungen des Lokalblattes, dem Enz- und Metterboten, läßt sich nichts von jener Stimmung auffinden, die aus Zentren deutscher Großstädte bezeugt ist. Der patriotische Aufruf, erlassen vom Stadtschultheiß am 1. August, forderte von den Bewohnern »um des Vaterlandes willen, alle, auch die schwersten Anforderungen, die das militärische Interesse erheischt, willig und freudig zu ertragen«. Zu ertragen – die Sprache ist ein Verräter. Der Autor schien, wenn nicht zu wissen, so doch zu ahnen, daß die Bürger nun Lasten zu schleppen haben würden. Der Gedanke beschlich nicht nur ihn. Als der Krieg ein Jahr dauerte, publizierte das evangelische Gemeindeblatt des Ortes einen Rückblick in die letzten Tage des Friedens und die ersten des Krieges. Von jenem Samstag, an dessen Abend der Mobilmachungsbefehl bekanntgemacht wurde, hieß es: »Eine ernste, gedrückte Stimmung lastete auf den meisten. (…) Nun war es ganz ernst geworden. Was sich an diesem Abend in den Häusern und Herzen abgespielt hat, ist nicht zu beschreiben. Das weiß Gott allein. (…) Zu patriotischen Kundgebungen kam es nicht. Es war ja noch so vieles zu erledigen zur Ordnung der eigenen militärischen und häuslichen Angelegenheiten. Man begegnete sich mit vielsagendem Schweigen, war doch fast jedes Haus vom Krieg betroffen und hatte einen Abschied.«

Zunächst erhielten die Bietigheimer zu den allgemeinen Verhaltensregeln konkrete Ermahnungen. Die erste besagte, daß an zur Armee einrückende Soldaten, die nüchtern an ihren Sammelpunkten eintreffen sollten, kein Alkohol auszuschenken sei. Am 3. August, es war der Tag der deutschen Kriegserklärung an Frankreich, verabschiedete sich in einer Anzeige im Lokalblatt ein Bäckermeister, der zur Armee mußte, von seiner Kundschaft. Er kam im Kriege 1915 um. Am 4. August wurde den Bürgern vom Stadtschulzenamt mitgeteilt, daß das »Stehenbleiben von Personen in Gruppen auf den öffentlichen Straßen und Nebenwegen« von nun an »bis auf weiteres untersagt« sei und Zuwiderhandlungen bestraft würden.

In den folgenden Tagen bereiteten sich Bürger, da mit der Durchfahrt von Zügen mit Verwundeten gerechnet wurde, auf deren Empfang und Betreuung während ihres Aufenthaltes vor. Dafür wurde um Geldspenden und »Flaschen mit guten Säften« gebeten. Die Gesamtleitung der Aktion lag in den Händen des Stadtpfarrers, der auch nach anderen Berichten ein Motor dieses tätigen Patriotismus gewesen sein muß. Am 10. August trafen die ersten Soldaten ein, die bei Kämpfen nahe Mülhausen im Elsaß verwundet worden waren. Am 12. August wurde die Zahl der Einberufenen, die auch »Ausmarschierte« hießen, mit 300 bis 400 angegeben und vermerkt, daß aus manchen Familien drei und mehr Söhne zur Armee eingerückt seien. 33 dieser Ausmarschierten hatten sich vorher im Sonntagsstaat, angetan mit Vatermörder und Fliege, auf ein Gruppenbild bannen lassen. Sie stehen und sitzen da eng beieinander wie Mitglieder eines Kegelvereins, zusammengekommen anläßlich von dessen besonderem Jubiläum. Aber auf keinem Gesicht läßt sich auch nur ein Anflug von Freude oder gar Begeisterung ausmachen.

Zwei Tage später passierten erste französische Kriegsgefangene den Bahnhof Bietigheim. Und dann dauerte es nur bis zum 19. Kriegstag, und es gingen die ersten Nachrichten ein, die besagten, daß Bürger der Stadt und nahegelegener Gemeinden »gefallen« seien. In den Anzeigen, die von deren Angehörigen in der Ortszeitung veröffentlicht wurden, wurden die Formeln »den Heldentod fürs Vaterland gestorben« oder »im Kampf für das Vaterland gefallen« gebraucht. Diese Meldungen setzten sich in den folgenden Tagen fort. Sie standen für den Preis der Siege, die bei Metz und Longwy, dort hatte zwischen dem 22. und 25. August eine der sogenannten Grenzschlachten stattgefunden, errungen und durch Glockengeläut und gehißte Fahnen bekanntgemacht wurden. Weiter passierten Züge mit Verwundeten die Stadt. Wer sofort ärztlich behandelt werden mußte, wurde ausgeladen und in ein Krankenhaus gebracht, die Masse der Insassen verpflegt. Das hielt ein Fotograf fest. So, und so nüchtern, stellte sich das »Augusterlebnis« für die Bietigheimer dar. Nicht nur für sie. Ernst Glaeser hat in seinem auf eigenem Erleben gründenden Roman »Jahrgang 1902« geschildert, wie ein junger Bursche zufällig dazu kam, beim Ausladen eines Verwundeten zu helfen. Als sie im Krankenhaus des Ortes anlangten, brachten sie einen Toten.

Abendmahl vor Kriegsbeginn
Noch weniger verläßliche Zeugnisse existieren von der Aufnahme der Nachricht vom Kriegsbeginn und der Mobilisierung aus Dörfern des Landes. Dorthin verirrten sich weder Zeitungsreporter noch Fotografen. Die Männer, die Haus, Stall und Feld verließen, noch war die Sommer­ernte nicht beendet und die des Herbstes stand erst bevor, waren tags darauf nicht zu ersetzen, selbst wenn sich die zurückbleibenden Frauen deren Schwerstarbeit aufbürdeten. Es war nur eine Frage kurzer Zeit bis das Absinken der heimischen Produktion in Verbindung mit der bei Kriegsbeginn augenblicklich einsetzenden Seeblockade durch britische Kriegsschiffe sich auf den Tellern der Städter empfindlich bemerkbar machen würde.

Aus einem Dorf nahe Berlin, aus Lütte, sind Ereignisse und Stimmungen jener ersten Augusttage durch Aufzeichnungen von Erlebtem und Gehörtem im Tagebuch eines 15jähigen Mädchens, der Tochter des Ortspfarrers, überliefert. »Abends um halb 9 Uhr – da läuteten die Glocken. Es bedeutete den Krieg… sie mußten den Krieg verkünden! Alle Leute standen vor ihren Häusern und weinten. Am Sonntag war für diejenigen, die in den Krieg ziehen mußten, Abendmahl angesetzt. Es waren auch 50 Männer da (außer drei dann von der Autorin namentlich genannten, K.P.). Da Vater auch eine sehr wegweisende Predigt hielt, weinten alle. Wir hatten nicht wie sonst sonntags weiße Kleider an, sondern dunkle Röcke und nur helle Schuhe.« Ein anderes Geschehen ist dem Mädchen entgangen, wurde aber von einem Lehrer der Dorfschule rückblickend in die Schulchronik eingetragen. Demnach hatte der Ausrufer des Dorfes mit der Bekanntgabe des Kriegsbeginns die Männer in die Gaststätte des Ortes beordert. Davon wird mitgeteilt: »Der Herr Pastor leitete die Versammlung mit einem Kaiserhoch ein. Ich verlas die Mobilmachungsurkunden. Unsere Reservisten, Wehrmänner und Landstürmer waren sehr gefaßt, wie es die Starken sind, die des Sieges gewiß sind oder doch entschlossen, in Ehren zu sterben für Weib und Kind, für König und Vaterland.« Die drei Sätze überliefern jedenfalls die Geistes- und Gemütsverfassung des Lehrers bei Kriegsbeginn.

Zurichtung allerorten
Zurück in die Großstädte: Die Fotografierten, aufgenommen an Straßenrändern, waren keine bestellten oder gemieteten Jubelperser. Indessen brach aus ihnen in jenen Tagen auch nicht spontan die patriotische deutsche Seele hervor, wie das in der Geschichtsliteratur bis heute behauptet wird. Sie waren allesamt Produkte einer Erziehung durch Pfarrer und Lehrer, wie der beiden im Dorf Lütte. Andere waren geprägt durch jene Professoren, welche eben die Studenten bürgerlicher und adliger Herkunft mitgeformt hatten, die in Berlin vor dem Hauptgebäude der Friedrich-Wilhelms-Universität den Krieg jubelnd begrüßten. Dieser »Geist von 1914« war von Millionen erworben in Kasernen und Kriegervereinen, bei Veranstaltungen der Militär und Militarismus anbetenden Organisationen wie dem Alldeutschen Verband, dem Deutschen Flottenverein und vielen monarchistischen Zusammenschlüssen. Was sie dort an krausen Ideen aufgenommen hatten, was ihnen an verkorksten vaterländischen Gefühlen eingepflanzt worden war, das blühte nun auf in den Willkommensfeiern des Kriegsbeginns, denen sich ein erheblicher Teil der deutschen wissenschaftlichen und künstlerischen Intelligenz hingab, schreibend, redend, dichtend, musizierend, malend und – dies nicht zu vergessen – predigend und betend in Kirchen beider christlichen Religionen und nicht anders in Synagogen. Die Verklärung des Krieges gipfelte in Behauptungen wie der von seiner »reinigenden Wirkung auf das Volksganze«. Ohne den Beitrag der geistigen Führungsschicht des Deutschen Kaiserreiches – nicht anders im Kernland der österreichisch-ungarischen Monarchie – wäre es zu diesen Verirrungen von Geist und Gemüt schwerlich in dieser Zahl gekommen. Und von den Tagen des Kriegsbeginns an wurde an ihrer Konservierung weiter gearbeitet. Kaum jemand entkam dieser Zurichtung. Auch nicht die Kinder. Davon zeugen 1914 erschienene Buchtitel wie »Was der Krieg unsere Schulkinder lehrt«, herausgegeben übrigens von einem evangelischen Verlag in Heidelberg, »Was sollen unsere Knaben und Mädchen durch den Krieg lernen – ein Mahnwort an unsere Jugend«, »Das eiserne Jahr 1914 – Ein Büchlein für Kinder« oder »Deutschland, Deutschland über alles: ein Weihnachtsbüchlein für die deutsche Jugend im Jahre des großen Krieges«.

Die Bilder von den ersten Tagen und Wochen des Krieges sind gerade in den Großstädten unvollständig, wenn nicht von den augenblicklichen sozialen Folgen des Kriegsbeginns auf erhebliche Teile der arbeitenden Klassen die Rede ist. Trotz der Masse der Eingezogenen breitete sich in Hamburg, wo Tausende vom funktionierenden, nun aber blockierten Hafenbetrieb abhängig waren, Arbeitslosigkeit aus. Zudem waren Produktionsbetriebe lahmgelegt, die importierte Rohstoffe oder Halbfertigfabrikate verarbeiteten oder ihrerseits für den Export herstellten und deren Waren über See ausgeführt wurden. Für dort Beschäftigte gehörte zum »Augusterlebnis« der Verlust ihres Arbeitsplatzes.

Entnommen der Jungen Welt vom 01. August 2014.





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