Archiv der Kategorie 'Mahnung und Erinnerung'

Aufruf der FIR: Für eine neue internationale Friedenspolitik

Aus Anlass des 100. Jahrestages des Beginns des Ersten Weltkrieges am 1. August 1914 und des 75. Jahrestages der Überfalls Hitlerdeutschlands auf Polen am 1.September 1939, dem Beginn des Zweiten Weltkriegs, ruft die Internationale Föderation der Widerstandskämpfer (FIR) – Bund der Antifaschisten, der Dachverband von Organisationen ehemaliger Widerstandskämpfer, Partisanen, Angehörigen der Anti-Hitler-Koalition, Verfolgten des Naziregimes und Antifaschisten heutiger Generationen aus fünfundzwanzig Ländern Europas und Israels Friedenskräfte, politische Gruppen und Regierungen zu gemeinsamen Anstrengungen für eine neue internationale Friedenspolitik auf.

Die Kriege 1914-18 und 1939-45 waren nicht das Resultat von „Schlafwandlern“ oder einer „Koalition totalitärer Regime“, sondern Ausdruck der Durchsetzung imperialistischer Interessen um Macht- und Einflussgebiete in Europa und der Welt. Nach der Befreiung vom Faschismus wurde in den Beschlüssen der Anti-Hitler-Koalition auf der Potsdamer Konferenz und mit der Gründung der Vereinten Nationen 1945 der Versuch unternommen, eine Neuordnung in den internationalen Beziehungen zu erreichen, den Krieg aus dem Leben der Völker zu verbannen. Wir erinnern daran, dass vor gut 40 Jahren durch das Handeln der Völker und Staaten im KSZE-Prozess die Hoffnung bestand, dass in Europa die Gefahr eines Krieges beseitigt sei.

Seit dem Krieg gegen Jugoslawien und mit dem Bürgerkrieg in der Ukraine erleben wir, dass auch in Europa die Kriegsgefahr noch real ist. Wenn auch anders begründet als 1914 bzw. 1939, geht es immer noch um die Durchsetzung hegemonialer Interessen, um Einflussgebiete und – zunehmend um den Zugriff auf Rohstoffe. Dabei beansprucht das Militärbündnis NATO für sich einen weltweiten Einsatzraum – vorgeblich zur „Verteidigung westlicher Werte“, wobei Verletzungen von Menschenrechten, selbst Massenmorde nach Rohstoffinteressen bewertet werden. Auch das Selbstbestimmungsrecht von Völkern wird dabei missachtet.

Als „Botschafter des Friedens“ der Vereinten Nationen rufen wir die UNO, die internationalen Organisationen und gesellschaftlichen Kräfte auf, Initiativen für eine neue internationale Friedenspolitik zu entwickeln. Dazu gehören die Anerkennung des Existenzrechtes aller Staaten sowie die Durchsetzung einer gerechten Weltwirtschaftsordnung. Auch die Staaten der Europäischen Union und das Europäische Parlament könnten ihren Beitrag dazu leisten, wenn sie einer Militarisierung der Außenpolitik eine Absage erteilten.

In diesem Sinne appellieren wir an Friedenskräfte, Parteien, Gewerkschaften und Kritiker der Globalisierung, sich in Aktionen, Abstimmungen und Erklärungen für eine neue internationale Friedenspolitik einzusetzen. Die FIR ruft ihre Mitgliedsverbände dazu auf, sich mit ihren historischen Erfahrungen an solchen Initiativen zu beteiligen.

Geschichte: „Ein deutscher Mythos“ – 100 Jahre Erster Weltkrieg

Geschichte. Das »Augusterlebnis«, die Rede vom sich erhebenden Volk, das gemeinsam in den Krieg zieht, ist eine Legende. Nicht jubelnd, aber naiv marschierten viele Deutsche in den Ersten Weltkrieg.

Von Kurt Pätzold

Kommt die Rede auf den Beginn des Ersten Weltkrieges, fällt früher oder später das Wort vom »Augusterlebnis«. Und von da ist es dann nur ein kurzer Gedankensprung zum »Geist von 1914« oder den »Ideen von 1914«, von denen niemand so genau sagen kann, was sie eigentlich waren. Mit ihnen verbindet sich ein noch über Jahre nach dem Kriege gepflegtes Propagandabild. Es ist das vom sich gemeinsam und entschlossen erhebenden Volk, von der »Volksgemeinschaft«, die in den Krieg zieht, das Vaterland zu verteidigen. Das lebe in den Millionen fort, die »dabei waren«, wird kolportiert.

Die Verwandtschaft zu älteren Sprachbildern wie dem Theodor Körners von 1813 »Das Volk steht auf, der Sturm bricht los« liegt zutage. Ein Vergleich beider durch ein Jahrhundert getrennter Kriege ergibt Gemeinsames und Unterscheidendes. Die sich gegen Napoleon erhoben, und das war beileibe nicht das ganze deutsche Volk, erstrebten das Ende einer Jahre währenden Fremdherrschaft und Besatzung, die ihnen schwerste Lasten auferlegt hatte. Sie waren in manchen Gegenden bis aufs Hemd ausgeplündert worden und dem Verhungern nahe. Ihr Motiv rührte vielfach von eigener Erfahrung oder der ihnen Nahestehender her. Die 1914 auszogen, wurden hingegen mit einer Lüge motiviert, wonach Rußland, Frankreich und Großbritannien Deutschland angegriffen hätten, weil sie alle es um seinen Aufstieg beneideten und nicht »hochkommen« lassen wollten.

Zu den Unterschieden gehört weiter, daß die Zeitgenossen von 1813 wußten, was Krieg bedeutete, namentlich die Preußen aus ihrer Erfahrung von 1806/07, zum anderen aus Berichten vom Feldzug gegen Rußland 1812, an dem Kontingente deutscher Staaten teilgenommen hatten und aus dem weniger die Preußen, jedoch die nach Moskau gezogenen Bayern, Württemberger und Männer aus anderen deutschen Landen nicht zurückkehrten. 1914 hingegen lag der letzte Krieg, den Deutsche erlebt hatten, mehr als 40 Jahre zurück. Er war jenseits der deutschen Grenzen in Frankreich ausgetragen und gewonnen worden. Die Zahl der Kriegstoten wurde amtlich mit nahezu 44000 angegeben, sie enthält die Zahl der während der Kämpfe Umgekommenen und die jener, die Verwundungen und Krankheiten erlagen.

Vor allem aber: In den Krieg des Jahres 1813 gingen die Preußen an der Seite des zaristischen Rußlands, dessen Armee den Eroberer aus dem eigenen Lande schon vertrieben hatte, dazu mit Schweden und dann auch, was zu erwarten war, mit Österreich. Es formierte sich eine antinapoleonische Übermacht. 1914 hingegen machte sich Deutschland zum Verbündeten des altersschwachen Österreich-Ungarn. An Stelle der einen Front gegen den Franzosenkaiser entstanden binnen weniger Tage drei. Die kurze österreichische gegen Serbien, wo die Truppen des slawischen Königreiches gemeinsam mit denen Montenegros standen, die lange gegen das Zarenreich, die von der rumänischen Grenze durch das dreigeteilte Polen bis an die Ostsee reichte, und die immer länger werdende gegen die Französische Republik und das überfallene Belgien, die sich von der schweizerischen Grenze bis zur Nordsee dehnte und etwa 700 Kilometer maß. Ein Blick auf die Landkarte Europas und ein weiterer in die demographischen und wirtschaftlichen Daten der einander bekriegenden Blöcke, hier die zwei sogenannten Mittelmächte und dort das Dreierbündnis der Entente, hätte die Augusttage für die Deutschen zu einer sich hinziehenden Denkstunde machen können, ja müssen.

Erinnerung an Sedan
Statt dessen? Das wieder und wieder so erzählte »Augusterlebnis«: Das kaisertreue deutsche Volk überschreitet im Gleichschritt die Kriegsschwelle. Viele fühlen sich erhoben, ja befreit. Sie sind siegesgewiß und frohen Mutes und nicht wenige ergriffen von einem Gefühl der Dankbarkeit darüber, daß sie ein eintöniges, langweiliges, allzu sattes und keine höheren Ziele kennendes Dasein hinter sich lassen konnten. Mit dieser Schilderung deutscher Befindlichkeit, die schon inmitten der Ereignisse und nicht erst aus dem Rückblick gegeben wurde, sollte auch bezeugt sein: Ein Volk, das so hochgestimmt auf die Schlachtfelder zieht, kann das nur ohne Arg und reinen Herzens getan haben und nicht um irgendwelcher schnöder materieller Ziele willen. Hitler behauptete in seiner Propagandaschrift »Mein Kampf«, die Deutschen hätten den Krieg geradezu »begehrt« und kritisierte die kaiserliche Führung, weil sie ihn nicht früher selbst begann und so angeblich den Zeitpunkt mit den besten Siegesaussichten verpaßt habe.

Welche Zeugen und Zeugnisse wurden von jenen präsentiert, die das »Augusterlebnis« lange nach Kriegsende wieder und wieder so ausmalten und die Nation in einem Zustand beschrieben, den sie sich als wiederkehrenden und dann dauernden wünschten, den der Volks- oder Kriegsgemeinschaft? Dafür werden bis heute vor allem Fotografien vorgewiesen, auf denen drei Szenen dominieren. Auf den einen sind Ansammlungen von Menschen zu sehen, die auf Plätzen oder Straßen den Kriegsbeginn bejubeln. Aus der Menge werden als Zeichen der Begeisterung Arme zum Himmel gereckt, Stöcke hochgeschwungen, Mützen und Hüte in die Luft geworfen. Und es werden andächtig patriotische Lieder gesungen. Schon dem flüchtigen Betrachter mag auffallen, daß die dort Zusammengeströmten meist in ihren Sonntagskleidern erschienen sind, und das sind nicht die der arbeitenden Schichten, wie ein Vergleich mit jenen Bildern erweist, die während Kundgebungen der Sozialisten gemacht wurden, beispielsweise von Friedensdemonstrationen nur wenige Tage zuvor. Der 1. August 1914 war ein Samstag – und da wurde im Deutschen Reich gearbeitet.

Auf anderen Fotografien sind an Straßenrändern Menschen zu sehen, die die in lockeren Kolonnen an die Fronten abrückenden Soldaten verabschieden. Manche begleiten die Uniformierten auch auf dem Weg zu Sammelplätzen in Kasernen oder zu Bahnhöfen. Jungen sind abgebildet, die das Gewehr ihres Vaters tragen dürfen, und Frauen oder Bräute, eingehängt am Arm des Geliebten. Auf wieder anderen drängen sich Einberufene, noch in ihrer Zivilkleidung, an Türen und Fenstern von Eisenbahnwaggons, meist frohen Gesichts den Zurückbleibenden zuwinkend. Würden manche nicht an geöffneten Schiebetüren von Güterwagen stehen, ließe sich glauben, hier begebe sich ein Männerverein auf einen Ausflug. Dem widersprechen aber auch die Aufschriften an den Waggonwänden, die mehr oder – meist – weniger gewandt mit Kreide da hingemalt wurden. Da werden die französische Hauptstadt und ihre Boulevards als Reiseziel angegeben. Ein die bayerische Hauptstadt verlassender Zug trägt die Aufschrift »München über Metz nach Paris«, und das war noch eine der harmloseren. Andere Texte drückten die Überzeugung aus, Weihnachten wieder zu Hause zu sein.

Wie lassen sich diese Bilder, keine gestellten Aufnahmen für Propagandazwecke, sondern Schnappschüsse, und die sich auf ihnen ausdrückende Stimmung erklären? Wie, daß ein Kriegsbeginn zur Feier nach der Art eines Volksfestes wird? Eine Rolle mochte spielen, daß eben, wer sich des letzten Krieges erinnerte, an dem deutsche Truppen beteiligt waren, mehr als vier Jahrzehnte zurückdenken mußte. Die als junge Burschen an ihm teilgenommen hatten, standen an der Schwelle zum siebten Lebensjahrzehnt. Das bedeutete auch, daß bei der damaligen Lebenserwartung ein erheblicher Teil der Krieger nicht mehr am Leben war. Dieser deutsch-französische Krieg hatte 1870/71 kaum mehr als ein halbes Jahr gedauert. Dann war am 28. Januar 1871 ein Vorfriede geschlossen worden, die belagerte Hauptstadt Paris kapitulierte. Die Waffen schwiegen. Die Erinnerung daran lebte auch deshalb fort, weil Jahr für Jahr – ohne Teilnahme der Sozialdemokraten – am »Sedantag« des kriegsentscheidenden Sieges gedacht wurde, der in der Schlacht bei der nordfranzösischen Stadt nahe der belgischen Grenze errungen worden war, in der auch der Kaiser der Franzosen, der dritte Napoleon, in Gefangenschaft geriet.

Wichtiger als dieser zu falschen Schlußfolgerungen führende Blick zurück mochte für die Haltung der den Kriegsbeginn Feiernden sein, daß sie trotz bestehender Warnungen keine Ahnung von dem besaßen, was ihnen und vor allem den Soldaten in den nun auszutragenden Schlachten bevorstand. Außerdem waren auch die Kriege der letzten Jahre, von denen sie aus Zeitungen erfuhren, von kurzer Dauer gewesen und hatten zudem fern von ihren Wohnsitzen stattgefunden. Das galt für die Balkankriege 1912/1913, für den Krieg Italiens gegen das Osmanische Reich im Norden Afrikas um den Besitz Libyens 1911, für den russisch-japanischen von 1904/05, für die Burenkriege an der Jahrhundertwende und für den der USA gegen Spanien 1898. Und wiewohl dabei neu entwickelte und modernisierte Waffen eingesetzt worden waren, hatte dies nur ein Vorspiel dessen dargestellt, was nun folgte: der massenweise Einsatz neuartigen Kriegsgeräts. Zum Beispiel von Gewehren mit größerer Reichweite, rascherer Schußfolge, höherer Zielgenauigkeit, von Maschinengewehren und Flammenwerfern und weittragenden Artilleriegeschützen mit vervielfachter Sprengkraft, von Flugzeugen, Zeppelinen, Unterseebooten – und Giftgasen. Und obgleich Militärs darauf hingewiesen hatten, daß sich mit der Technisierung und Industrialisierung des Krieges künftige Kriegsverläufe einschneidend ändern würden, hielt sich der Glaube an eine einzige Schlacht, die den Ausgang entscheiden werde, noch immer, so wie die von Leipzig 1813, Waterloo 1815, Königgrätz 1866 und eben Sedan 1870.

So ist es ein Bündel von im einzelnen zu gewichtenden Tatsachen, das hilft, die Gesichter und Gesten zu enträtseln, die dem Betrachter auf Fotografien aus den ersten Augusttagen 1914 begegnen. Die Aufnahmen sind keine Fälschungen, doch wurden sie dazu gemacht, als sie zu Zeugnissen für die allgemeine Volksstimmung aufgewertet wurden. Dagegen stehen Quellen aus anderen Lebensbereichen, aus Dörfern und Städten ohne Massenaufgebote an kaisertreuem Bürgertum und ohne Horden verbildeter Studenten, die es gar nicht erwarten konnten, das Buch gegen das Gewehr, den Hörsaal gegen das Schlachtfeld zu tauschen.

Ernste, gedrückte Stimmung
Bietigheim ist eine württembergische Kleinstadt zwischen Stuttgart und Heilbronn. Der Ort, in dem sich Eisenbahnlinien kreuzen, besaß um 1914 nahezu 4000 Einwohner. In der Chronik der Stadt, rekonstruiert vor allem aus Meldungen des Lokalblattes, dem Enz- und Metterboten, läßt sich nichts von jener Stimmung auffinden, die aus Zentren deutscher Großstädte bezeugt ist. Der patriotische Aufruf, erlassen vom Stadtschultheiß am 1. August, forderte von den Bewohnern »um des Vaterlandes willen, alle, auch die schwersten Anforderungen, die das militärische Interesse erheischt, willig und freudig zu ertragen«. Zu ertragen – die Sprache ist ein Verräter. Der Autor schien, wenn nicht zu wissen, so doch zu ahnen, daß die Bürger nun Lasten zu schleppen haben würden. Der Gedanke beschlich nicht nur ihn. Als der Krieg ein Jahr dauerte, publizierte das evangelische Gemeindeblatt des Ortes einen Rückblick in die letzten Tage des Friedens und die ersten des Krieges. Von jenem Samstag, an dessen Abend der Mobilmachungsbefehl bekanntgemacht wurde, hieß es: »Eine ernste, gedrückte Stimmung lastete auf den meisten. (…) Nun war es ganz ernst geworden. Was sich an diesem Abend in den Häusern und Herzen abgespielt hat, ist nicht zu beschreiben. Das weiß Gott allein. (…) Zu patriotischen Kundgebungen kam es nicht. Es war ja noch so vieles zu erledigen zur Ordnung der eigenen militärischen und häuslichen Angelegenheiten. Man begegnete sich mit vielsagendem Schweigen, war doch fast jedes Haus vom Krieg betroffen und hatte einen Abschied.«

Zunächst erhielten die Bietigheimer zu den allgemeinen Verhaltensregeln konkrete Ermahnungen. Die erste besagte, daß an zur Armee einrückende Soldaten, die nüchtern an ihren Sammelpunkten eintreffen sollten, kein Alkohol auszuschenken sei. Am 3. August, es war der Tag der deutschen Kriegserklärung an Frankreich, verabschiedete sich in einer Anzeige im Lokalblatt ein Bäckermeister, der zur Armee mußte, von seiner Kundschaft. Er kam im Kriege 1915 um. Am 4. August wurde den Bürgern vom Stadtschulzenamt mitgeteilt, daß das »Stehenbleiben von Personen in Gruppen auf den öffentlichen Straßen und Nebenwegen« von nun an »bis auf weiteres untersagt« sei und Zuwiderhandlungen bestraft würden.

In den folgenden Tagen bereiteten sich Bürger, da mit der Durchfahrt von Zügen mit Verwundeten gerechnet wurde, auf deren Empfang und Betreuung während ihres Aufenthaltes vor. Dafür wurde um Geldspenden und »Flaschen mit guten Säften« gebeten. Die Gesamtleitung der Aktion lag in den Händen des Stadtpfarrers, der auch nach anderen Berichten ein Motor dieses tätigen Patriotismus gewesen sein muß. Am 10. August trafen die ersten Soldaten ein, die bei Kämpfen nahe Mülhausen im Elsaß verwundet worden waren. Am 12. August wurde die Zahl der Einberufenen, die auch »Ausmarschierte« hießen, mit 300 bis 400 angegeben und vermerkt, daß aus manchen Familien drei und mehr Söhne zur Armee eingerückt seien. 33 dieser Ausmarschierten hatten sich vorher im Sonntagsstaat, angetan mit Vatermörder und Fliege, auf ein Gruppenbild bannen lassen. Sie stehen und sitzen da eng beieinander wie Mitglieder eines Kegelvereins, zusammengekommen anläßlich von dessen besonderem Jubiläum. Aber auf keinem Gesicht läßt sich auch nur ein Anflug von Freude oder gar Begeisterung ausmachen.

Zwei Tage später passierten erste französische Kriegsgefangene den Bahnhof Bietigheim. Und dann dauerte es nur bis zum 19. Kriegstag, und es gingen die ersten Nachrichten ein, die besagten, daß Bürger der Stadt und nahegelegener Gemeinden »gefallen« seien. In den Anzeigen, die von deren Angehörigen in der Ortszeitung veröffentlicht wurden, wurden die Formeln »den Heldentod fürs Vaterland gestorben« oder »im Kampf für das Vaterland gefallen« gebraucht. Diese Meldungen setzten sich in den folgenden Tagen fort. Sie standen für den Preis der Siege, die bei Metz und Longwy, dort hatte zwischen dem 22. und 25. August eine der sogenannten Grenzschlachten stattgefunden, errungen und durch Glockengeläut und gehißte Fahnen bekanntgemacht wurden. Weiter passierten Züge mit Verwundeten die Stadt. Wer sofort ärztlich behandelt werden mußte, wurde ausgeladen und in ein Krankenhaus gebracht, die Masse der Insassen verpflegt. Das hielt ein Fotograf fest. So, und so nüchtern, stellte sich das »Augusterlebnis« für die Bietigheimer dar. Nicht nur für sie. Ernst Glaeser hat in seinem auf eigenem Erleben gründenden Roman »Jahrgang 1902« geschildert, wie ein junger Bursche zufällig dazu kam, beim Ausladen eines Verwundeten zu helfen. Als sie im Krankenhaus des Ortes anlangten, brachten sie einen Toten.

Abendmahl vor Kriegsbeginn
Noch weniger verläßliche Zeugnisse existieren von der Aufnahme der Nachricht vom Kriegsbeginn und der Mobilisierung aus Dörfern des Landes. Dorthin verirrten sich weder Zeitungsreporter noch Fotografen. Die Männer, die Haus, Stall und Feld verließen, noch war die Sommer­ernte nicht beendet und die des Herbstes stand erst bevor, waren tags darauf nicht zu ersetzen, selbst wenn sich die zurückbleibenden Frauen deren Schwerstarbeit aufbürdeten. Es war nur eine Frage kurzer Zeit bis das Absinken der heimischen Produktion in Verbindung mit der bei Kriegsbeginn augenblicklich einsetzenden Seeblockade durch britische Kriegsschiffe sich auf den Tellern der Städter empfindlich bemerkbar machen würde.

Aus einem Dorf nahe Berlin, aus Lütte, sind Ereignisse und Stimmungen jener ersten Augusttage durch Aufzeichnungen von Erlebtem und Gehörtem im Tagebuch eines 15jähigen Mädchens, der Tochter des Ortspfarrers, überliefert. »Abends um halb 9 Uhr – da läuteten die Glocken. Es bedeutete den Krieg… sie mußten den Krieg verkünden! Alle Leute standen vor ihren Häusern und weinten. Am Sonntag war für diejenigen, die in den Krieg ziehen mußten, Abendmahl angesetzt. Es waren auch 50 Männer da (außer drei dann von der Autorin namentlich genannten, K.P.). Da Vater auch eine sehr wegweisende Predigt hielt, weinten alle. Wir hatten nicht wie sonst sonntags weiße Kleider an, sondern dunkle Röcke und nur helle Schuhe.« Ein anderes Geschehen ist dem Mädchen entgangen, wurde aber von einem Lehrer der Dorfschule rückblickend in die Schulchronik eingetragen. Demnach hatte der Ausrufer des Dorfes mit der Bekanntgabe des Kriegsbeginns die Männer in die Gaststätte des Ortes beordert. Davon wird mitgeteilt: »Der Herr Pastor leitete die Versammlung mit einem Kaiserhoch ein. Ich verlas die Mobilmachungsurkunden. Unsere Reservisten, Wehrmänner und Landstürmer waren sehr gefaßt, wie es die Starken sind, die des Sieges gewiß sind oder doch entschlossen, in Ehren zu sterben für Weib und Kind, für König und Vaterland.« Die drei Sätze überliefern jedenfalls die Geistes- und Gemütsverfassung des Lehrers bei Kriegsbeginn.

Zurichtung allerorten
Zurück in die Großstädte: Die Fotografierten, aufgenommen an Straßenrändern, waren keine bestellten oder gemieteten Jubelperser. Indessen brach aus ihnen in jenen Tagen auch nicht spontan die patriotische deutsche Seele hervor, wie das in der Geschichtsliteratur bis heute behauptet wird. Sie waren allesamt Produkte einer Erziehung durch Pfarrer und Lehrer, wie der beiden im Dorf Lütte. Andere waren geprägt durch jene Professoren, welche eben die Studenten bürgerlicher und adliger Herkunft mitgeformt hatten, die in Berlin vor dem Hauptgebäude der Friedrich-Wilhelms-Universität den Krieg jubelnd begrüßten. Dieser »Geist von 1914« war von Millionen erworben in Kasernen und Kriegervereinen, bei Veranstaltungen der Militär und Militarismus anbetenden Organisationen wie dem Alldeutschen Verband, dem Deutschen Flottenverein und vielen monarchistischen Zusammenschlüssen. Was sie dort an krausen Ideen aufgenommen hatten, was ihnen an verkorksten vaterländischen Gefühlen eingepflanzt worden war, das blühte nun auf in den Willkommensfeiern des Kriegsbeginns, denen sich ein erheblicher Teil der deutschen wissenschaftlichen und künstlerischen Intelligenz hingab, schreibend, redend, dichtend, musizierend, malend und – dies nicht zu vergessen – predigend und betend in Kirchen beider christlichen Religionen und nicht anders in Synagogen. Die Verklärung des Krieges gipfelte in Behauptungen wie der von seiner »reinigenden Wirkung auf das Volksganze«. Ohne den Beitrag der geistigen Führungsschicht des Deutschen Kaiserreiches – nicht anders im Kernland der österreichisch-ungarischen Monarchie – wäre es zu diesen Verirrungen von Geist und Gemüt schwerlich in dieser Zahl gekommen. Und von den Tagen des Kriegsbeginns an wurde an ihrer Konservierung weiter gearbeitet. Kaum jemand entkam dieser Zurichtung. Auch nicht die Kinder. Davon zeugen 1914 erschienene Buchtitel wie »Was der Krieg unsere Schulkinder lehrt«, herausgegeben übrigens von einem evangelischen Verlag in Heidelberg, »Was sollen unsere Knaben und Mädchen durch den Krieg lernen – ein Mahnwort an unsere Jugend«, »Das eiserne Jahr 1914 – Ein Büchlein für Kinder« oder »Deutschland, Deutschland über alles: ein Weihnachtsbüchlein für die deutsche Jugend im Jahre des großen Krieges«.

Die Bilder von den ersten Tagen und Wochen des Krieges sind gerade in den Großstädten unvollständig, wenn nicht von den augenblicklichen sozialen Folgen des Kriegsbeginns auf erhebliche Teile der arbeitenden Klassen die Rede ist. Trotz der Masse der Eingezogenen breitete sich in Hamburg, wo Tausende vom funktionierenden, nun aber blockierten Hafenbetrieb abhängig waren, Arbeitslosigkeit aus. Zudem waren Produktionsbetriebe lahmgelegt, die importierte Rohstoffe oder Halbfertigfabrikate verarbeiteten oder ihrerseits für den Export herstellten und deren Waren über See ausgeführt wurden. Für dort Beschäftigte gehörte zum »Augusterlebnis« der Verlust ihres Arbeitsplatzes.

Entnommen der Jungen Welt vom 01. August 2014.

Betrug an den Überlebenden

Regierungsmehrheit bringt 20.000 NS-Opfer um Renten-Nachzahlungen. Von Ulla Jelpke

Zum Jahrestag des Aufstandes im Warschauer Ghetto erhoben sich die Bundestagsabgeordneten, um der mutigen Kämpferinnen und Kämpfer zu gedenken, die am 19. April 1943 den deutschen Besatzern und Mördern Paroli geboten hatten. Eine richtige Geste – aber wenn es praktisch wird, bleibt von der Ehrung für ehemalige Ghetto-Insassen nicht viel: Schon Ende März dieses Jahrs hatte eine Mehrheit aus FDP und Union die längst überfällige Neuregelung der sogenannten Ghetto-Renten abgelehnt. Für rund 20.000 NS-Opfer bedeutet das, dass sie um mehrere tausend, mitunter auch mehrere zehntausend Euro Rentenansprüche gebracht werden.

Im Jahr 2002 hatte der Bundestag beschlossen, allen NS-Opfern, die in Ghettos gearbeitet hatten, Rentenansprüche zuzubilligen. Diese sollten rückwirkend ab 1. Juli 1997 ausbezahlt werden.

Doch die 70.000 Antragsteller, die sich danach bei den Rentenkassen meldeten, scheiterten an der deutschen Bürokratie. 96 Prozent aller Anträge wurden abgelehnt. Grund: Rentenkassen und Sozialgerichte waren der Auffassung, die ehemaligen Ghetto-Insassen seien nicht, wie vom Gesetz gefordert, ihrer Arbeit aus »freiem Willensentschluss« und »gegen Entgelt« nachgegangen, sondern hätten schlicht Zwangsarbeit geleistet, und dafür gebe es nun mal keine Entschädigung.

Tatsächlich scheint es obszön, Ghetto-Arbeit mit dem Begriff »Freiwilligkeit« zu assoziieren. Und doch: Im Ghetto gab es einen minimalen Spielraum, den es etwa in einem Zwangsarbeitslager nicht gegeben hat. »Die einzige Möglichkeit, einer Deportation zu entgehen, war die Aufnahme einer Beschäftigung und so meldeten wir uns freiwillig sofort bei dem für diese Zwecke eingerichteten Judenrat«, sagte Uri Chanoch vom Center of Organizations of Holocaust Survivors in einer Anhörung des Bundestags-Ausschusses für Arbeit und Soziales im vorigen Dezember. Manchmal gab es für die Arbeit ein paar Pfennig (im Generalgouvernement führten die Nazis davon sogar Rentenbeiträge ab!), manchmal nur ein paar Lebensmittel. Immerhin konnte eine Handvoll Kartoffeln über Weiterleben oder Verhungern entscheiden.

Aber Rentenbürokraten und Sozialrechtler hatten sich, bis auf wenige Ausnahmen wie Jan-Robert von Renesse am Landessozialgericht NRW, keine Mühe gegeben, die Ghettobedingungen zu erforschen. Sie wandten einfach die Begriffe des heutigen Rentensystems eins zu eins auf die Ghettos an. Mit diesem grob ahistorischen Unterfangen machte das Bundessozialgericht erst 2009 Schluss. Alle bis dahin abgelehnten Anträge wurden erneut überprüft. 7000 Betroffene erlebten diesen Zeitpunkt schon nicht mehr. Rund 25.000 kamen wenigstens teilweise zu ihrem Recht. Die meisten Betroffenen erhielten die Nachzahlung aber nur bis 2005. Das hat seinen Grund in einer Gesetzesklausel, die Rückwirkungsansprüche auf maximal vier Jahre begrenzt.

Die Linke im Bundestag wollte im Sommer 2011 in einer Kleinen Anfrage von der Bundesregierung wissen, was sie gegen diesen Missstand tun wolle. Antwort: Nichts. Daraufhin reichte die Fraktion einen Antrag ein, der eine rückwirkende Auszahlung der Renten bis 1997 forderte. Der Antrag wurde von der Regierungsmehrheit erst lange verschleppt, dann brachten SPD und Grüne eigene Anträge mit gleicher Stoßrichtung ein. Es folgte schließlich eine Anhörung im Dezember 2012. Dort sahen bis auf den Vertreter der Deutschen Rentenversicherung alle Sachverständigen, also auch jene, die von den Regierungsfraktionen benannt worden waren, einhellig raschen Handlungsbedarf.

Union und FDP begründen ihre Ablehnung der Anträge mit der Behauptung, die Nachteile durch den späteren Auszahlungszeitpunkt würden dadurch wieder ausgeglichen, dass die Rente dafür höher ausfällt. Daran ist richtig: Eine Rente, die erst 2005 bewilligt wurde, ist höher, als wenn sie schon 1997 bewilligt wurde. Aber die Annahme, Vor- und Nachteile einer Neuberechnung glichen sich aus, ist in den meisten Fällen schlicht falsch. Das hatte die Anhörung ergeben, und das zeigt auch die Praxis: Rechtsanwälte können massenhaft Fälle vorlegen, in denen es um 18.000 bis 20.000 Euro Nachzahlung geht. Dem stünde dann zwar eine Reduzierung der künftigen Rente um etwa ein Drittel gegenüber, aber: Verrechnet man diese Summen, ergibt sich, dass Menschen, die heute meist Mitte 80 bis über 90 sind, noch 20 Jahre leben müssten, bevor ihre Rückzahlung »aufgefressen« wäre. Mit einem solch biblischen Alter rechnen die meisten nicht. Die Überlebenden der Ghettos wollen ihre Rente jetzt, wo sie noch etwas damit anfangen können, hatte denn auch ihr Sprecher Chanoch eindeutig gefordert.

Die Entscheidung der Bundestagsmehrheit bedeutet, dass den Überlebenden fünfstellige Summen verweigert werden. Die Linke hat gleich nach der Abstimmung eine weitere Anfrage an die Regierung gestellt, vor allem, um den öffentlichen Druck beizubehalten. Denn nur der kann die Regierung bewegen, doch noch eine Lösung herbeizuführen.

Zuerst erschienen in der Zeitschrift „antifa“ Mai/Juni 2013

Rede Axel Holz` zum Holocaustgedenktag 2013 in Rostock

Am 27. Januar 1945 wurde das KZ Auschwitz durch die Rote Armee befreit. Seit 1996 ist dieser Tag in Deutschland ein nationaler Gedenktag und seit 2006 per Uno-Resolution Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust.

An diesem Tag gedenken heute Menschen weltweit der Opfer des deutschen Faschismus. Neben sechs Millionen Juden wurden weitere sechs Millionen Zivilsten außerhalb von Kriegshandlungen durch das NS-Gewaltregime getötet. 50 Millionen Tote sind die Schreckensbilanz des Zweiten Weltkrieges.

Aller dieser Oper gedenken wir heute gleichermaßen – auch der über Jahrzehnte vergessenen Sinti und Roma, der Euthanasieopfer, der Homosexuellen, der Zwangsarbeiter und der sogenannten Asozialen. Das Verhältnis zu den Opfern ist auch in Deutschland entkrampfter geworden. Mittlerweile gibt es für nahezu jede Opfergruppe des Nazi-Regimes ein nationales Denkmal. Die europaweite Stolpersteininitiative zeigt, wie den Opfern der Nazi-Herrschaft nicht nur individuell sondern auch unabhängig von ihrem Opferstatus gleichwertig gedacht werden kann.

Wichtig bleibt aber die Botschaft, dass die von den Nazis begangenen Verbrechen nicht vergessen werden und sich nicht wiederholen dürfen, wie Ministerpräsident Sellering in seiner Presseerklärung zum heutigen Tage hervorhebt. Mit Nazis aktiv auseinandersetzen, Nazi-Gewalt entschlossen entgegentreten und aktiv für eine offene, vielfältige und demokratische Gesellschaft eintreten – das ist die Aufgabe für Gesellschaft und Staat.

Da gibt es noch viel zu tun. Denn die verschlafene Aufklärung des NS-Terrors, die Unterstützung der Terrorhelfer in Form von V-Leuten und gelegentlich die Verhinderung von deren Strafverfolgung sind kein Leumundszeugnis für eine aufgeklärte Demokratie und verunsichern zudem unsere migrantischen Mitbewohner. Wenn zugleich ungerechtfertigt aktive Antifaschisten auch in Mecklenburg-Vorpommern diffamiert werden, zeigt sich, dass die Gefahren für die Demokratie immer noch tendenziös eingeschätzt werden. So musste der aktuelle Verfassungsschutzbericht des Landes zurückgezogen werden, weil drei linke Vereine ungerechtfertigt in ihm genannt wurden.

Aufklärung über die Nazi-Zeit wird heute in Deutschland wie kaum in einem anderen Land geleistet. In der Schule hat das Thema an Gewicht gewonnen, öffentlich-rechtliche Sender wie Arte, Phönix und ZDF Info berichten zunehmend ideologiefrei und regelmäßig über das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte. Aber wie sieht es mit der Qualität der Ursachenanalyse aus. Der narrative Blick auf die Kriegserlebnisse der bald verschwundenen Kriegsgenration kann helfen und auch die Bilder einer Zeit, die nachwachsenden Generationen zum Glück fremd sind. Deshalb ist es immer wieder wichtig, die richtigen und wesentlichen Fragen zur den Ursachen der Nazigewaltherrschaft zu stellen:

Wer waren die gesellschaftlichen Kräfte, die den Nazis den Weg an die Macht geebnet haben?

Wie verhielten sich die politischen Kräfte der Weimarer Republik und die Arbeiterbewegung zur Nazi-Gefahr?

An welche Einstellungspotentiale in der Gesellschaft konnten die Nazis erfolgreich anknüpfen und warum wurde ihnen kaum widersprochenen?

Wer leistete in welcher Weise Widerstand gegen den Faschismus?

Diese Fragen müssen immer wieder klar gestellt und neuen Generationen beantwortet werden, damit Ähnliches heute nicht noch einmal passiert.

Deshalb führt die VVN-BdA in diesem geschichtsträchtigen Jahr – 80 Jahre nach dem Machtantritt der Nazis – am 28. und 29. Juni 2013 an der Berliner Humboldt-Universität eine Geschichtskonferenz zu diesem Thema durch, zu der Sie alle herzlich eingeladen sind.

Neben der Machtübergabe an die Nazis und dem Machtantritt der Nazis im Januar 1933 wiederholen sich in diesem Jahr die Daten weiterer Ereignisse, die auch heute Bestandteil moderner Naziideologie sind:

- Die Zerschlagung der Gewerkschaften am 2. Mai 1933
- Die Zuspitzung des Antisemitismus und der zunächst erfolglose Versuch eines antisemitischen Pogroms
- Die Zerschlagung der Demokratie mit den Stimmen zahlreicher Demokraten im Parlament, die nach 1945 die politische Entwicklung der Bundesrepublik mitprägten und
- Die systematische Aufrüstung und Vorbereitung Nazi-Deutschlands auf einen Eroberungs- und Vernichtungskrieg

Die Chronologie der Ereignisse vor und nach dem 30. Januar 1933 finden Sie auf der homepage der VVN-BdA. Darüber lohnt es sich nachzudenken und zu debattieren, damit Nazis und Rechtspopulisten heute keine Chance bekommen.

Auch daran soll uns der Holocaustgedenktag erinnern.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit

20 Jahre nach dem Pogrom von Rostock Lichtenhagen: – Ein großes antirassistisches Programm steht am Wochenende 25./26. August in Rostock bevor

Kundgebung, Demonstration, Konzert und World-Café in Rostock

Es beginnt am Samstag um 11 Uhr auf dem Neuen Markt mit der Kundgebung „Das Problem heißt Rassismus“. Es werden Vertreter antirassistischer Initiativen sprechen. Eine große Rolle wird auch die berühmte Tafel spielen, die wenige Wochen nach dem Pogrom von der französischen Gruppe „Söhne und Töchter der deportierten Juden Frankreichs“ um Frau Beate Klarsfeld am Rostocker Rathaus aufgehängt wurde. Die Reaktion der Behörden bestand in der sofortigen Entfernung der Inschrift, der vorübergehenden Festnahme von 43 und längerfristigen Inhaftierung von 3 Beteiligten. Der Text der Tafel lautet:
„In Rostock und anderen deutsche Städten gingen Menschen im August 1992 mit rassistischen Gewalttaten und Brandstiftungen gegen unschuldige Familien, Kinder, Frauen und Männer vor. Wir erinnern an die Millionen Kinder, Frauen und Männer, die, weil als Juden, Sinti und Roma geboren, dem nationalsozialistischen Völkermord zum Opfer fielen. In einer einzigen Nacht unvergeßlichen Grauens wurden am 2.8.1944 die 3000 noch lebenden Menschen im Zigeunerlager Auschwitz-Birkenau durch Gas ermordet. Diese Erfahrungen und historischen Verpflichtungen für das deutsche Volk müssen wachgehalten werden, um zu verhindern, daß sich Gewalt und Menschenverachtung je wiederholen.“

Um 14.00 Uhr beginnt am S-Bahnhof Lütten-Klein die Demonstration „Grenzenlose Solidarität“. Mit Zwischenkundgebungen führt sie zum Sonnenblumenhaus. Wir erinnern daran, dass vor 20 Jahren eine Allianz aus staatlicher Ausländerfeindlichkeit, Medienhetze und Alltagsrassismus zuließ, dass Neonazis und Rassisten Flüchtlinge und Vertragsarbeiter tagelang angriffen.

Die Demonstration geht über in ein antirassistisches Konzert unter dem Motto „Beweg dich für Bewegungsfreiheit“ mit zahlreichen Bands, u.a. „Feine Sahne Fischfilet“.

Am Sonntag um 10.30 Uhr trifft man sich im „Peter-Weiss-Haus, Bad Doberaner Str. 21, zum World-Café mit dem Titel „Lichtenhagen, NSU und alle schauen zu…“ Nach kurzen Inputs werden wir schnell in eine gemeinsame solidarische Diskussion einsteigen. Ziel ist auch eine Vernetzung unserer antirassistischen Aktivitäten und der Austausch über die ganz verschiedenen Lebensrealitäten, die unser Engagement prägen und bestimmen. Wir wollen untersuchen, wie antirassistische Solidarität überhaupt gehen kann – und wo wir an unsere Grenzen stoßen. Es wird für Essen und Getränke gesorgt. Die Veranstaltung wird bis etwa 15 Uhr dauern.

Kommt alle, erzählt es euren Freund_Innen und bringt Fahnen und Transparente mit!

Weitere Infos unter lichtenhagen.blogsport.de

Den Namenlosen eine Stimme geben

Mit dem Verlesen der Namen von Opfern der „Deutschen Operation“ am 25. Juli 2012, 11 Uhr, auf dem Rosa-Luxemburg-Platz erinnerten die Mitglieder des „Arbeitskreises zum Gedenken an die in der Sowjetunion verfolgten deutschen Antifaschisten“ an die bisher Namenlosen und geben ihnen eine Stimme.

75 Jahre ist es her, dass der sowjetische Geheimdienst (NKWD) auf Anordnung Stalins die sogenannte „Deutsche Operation“ einleitete. Damit begann zugleich der „Große Terror“, die Welle der Massenverhaftungen, Deportationen und Exekutionen von Juli 1937 bis November 1938. Die Opfer waren überwiegend einfache Bürger.

Von den 350.000 Menschen unterschiedlicher Nationalität, die 1937/38 während des Massenterrors erschossen wurden, sind bisher 800 Deutsche namentlich identifiziert. Weitere Hunderte kamen in Gulags oder wurden nach Nazideutschland ausgewiesen. Deutsche in der Sowjetunion als erste Zielgruppe – das waren Arbeitssuchende, angeworbene Spezialisten unterschiedlicher Berufe und Komintern-Mitarbeiter, die seit Anfang der 1930er Jahre ins Land gekommen waren. Ab 1933 kamen die vom Naziterror Verfolgten hinzu. Viele suchten mit Frauen und Kindern eine zeitweilige Heimat oder gründeten in der Sowjetunion Familien.

Nach 1989 begann die gezielte Suche nach den vergessenen Opfern, die bis heute andauert. Die biografischen Angaben zu den bisher ermittelten 8.000 Deutschen, die zwischen den 1930er und 1950er Jahren in der Sowjetunion willkürlich verfolgt, entrechtet, in Straflagern deportiert und ermordet wurden, sind noch unvollständig.

Ausflug nach Peenemünde

Wie jedes Jahr lud die Rostock VVN-BdA auch diesmal zum Besuch einer Gedenkstätte aus der Zeit des Faschismus ein. Auch die Basisorganisation Jugend der VVN-BdA MV beteiligte sich wieder.

Bereits früh morgens holte der Bus die Reisenden aus ganz Rostock ab. Insgesamt 49 Antifaschist_Innen, Jung und Alt gleicher Maßen, beteiligten sich an dem Ausflug in die Gedenkstätte Peenemünde. Kurz vor 12 Uhr Mittags war der Bus endlich in Peenemünde angekommen. Es dauerte auch nicht lange, bis die Führung durch das riesige Gelände startete. Gespannt und aufmerksam guckten sich Alle das Gelände und die Ausstellung in Peenemünde an und hörten dem Mitarbeiter, der den Rundgang leitete, zu.


Bild: Die Gruppe auf dem Weg ins Museum

In Peenemünde wurden unter anderem seit 1936 die deutsche Kriegsrakete „Aggregat 4“ – besser bekannt unter ihrem Propagandanamen „V2“ („V“ für „Vergeltung“), entwickelt. Tausende Zwangsarbeiter_Innen wurden dazu eingesetzt und nicht wenige starben unter den menschenunwürdigen Arbeits- und Lebensbedingungen.


Bild: Die Nachbildung einer A4 Rakete im Maßstab 1:1.

Nach dem Ende des Rundganges konnten alle gemeinsam ein „Nachmittags-Mittagessen“ gönnen. Der anschließende Besuch in Deutschlands größter Schmetterlingsfarm hat vor allem den älteren Kamerad_Innen gefallen. Es war schon fast wieder dunkel, als sich der Bus auf den Rückweg machte. Zwar waren viele Mitgereiste erschöpft von dem langen Tag, aber gelohnt hat sich der Ausflug in die ehemalige „Heeresversuchsanstalt Peenemünde“ auf alle Fälle.

List der Vernunft: Zwei Neonazis garantieren öffentliche Erinnerung an Antifaschisten Ilja Ehrenburg

In der Sitzung der Rostocker Bürgerschaft vom 29. Juni wurde über einen Antrag der beiden NPD-Abgeordneten David Petereit und Birger Lüssow abgestimmt, der mit dem Namen der Ilja-Ehrenburg-Straße einen der verbliebenen antifaschistischen Erinnerungsorte zum Gegenstand hatte. In dem Antrag der Neonazi-Partei wird von der Benennung einer Straße nach dem sowjetischen Antifaschisten in Rostock-Toitenwinkel als von einem „negativen Alleinstellungsmerkmal der Hansestadt“ gesprochen; diese Namensgebung sei „europa-, wenn nicht weltweit einmalig“. Die Antragsteller beschuldigen Ehrenburg, „Hass gegen das Deutsche Volk“ in einer Weise geschürt zu haben, die „unter anderen Umständen“ strafrechtlich verfolgt worden wäre. Als ob ihrem geschichtspolitischen „Anti-Antifa“-Vorstoß um ein metapolitisch-humanitaristisches Anliegen zugrunde liege, appelliert der Antrag an die Bürgerschaftsmitglieder, „einen möglichst neutralen Standpunkt einzunehmen. Sie mögen sich vorstellen, es ginge um einen ehemaligen NS-Schriftsteller, der vergleichbare Forderungen wie Ehrenburg verbreitet hätte.“

Bevor über den NPD-Antrag abgestimmt wurde, nahm ein Bürgerschaftsabgeordneter der Partei Die Linke zu dem NPD-Antrag Stellung. Er machte auf die Fehlerhaftigkeit des Inhalts des Antrags aufmerksam, beginnend bei der simplen falschen Tatsachenbehauptung, es gebe zumindest in Europa nur eine Straße, die den Namen Ilja Ehrenburgs trage, nämlich die in Toitenwinkel: „[…] ein NPD-Mitglied kann natürlich nicht wissen, dass Russland einen europäischen Teil besitzt und die Ukraine und Weißrussland auch zu Europa gehören. In Kiew, der Geburtsstadt Ehrenburgs, gibt es selbstverständlich eine Straße, die nach ihm benannt ist.“ Sodann stellte der Abgeordnete der LINKEN heraus, gegen wen sich Ehrenburgs „Hass-Artikel“ richteten: nicht gegen „das deutsche Volk“ in seiner Gesamtheit, sondern „gegen bewaffnete deutsche Soldaten, die Kriegsverbrechen und Völkerrechtsverbrechen in Weißrussland, der Ukraine und Russland begingen“. Die Behauptung der NPD (und keineswegs nur dieser), Ehrenburg habe sich, indem er nach dem Überfall auf die UdSSR zum Widerstand gegen die Hitlerschen Rasseimperialisten aufrief, so verhalten, dass er unter anderen Umständen mit strafrechtlicher Verfolgung hätte rechnen müssen, erledigte der Abgeordnete mit den Worten: „Dass Ilja-Ehrenburg unter anderen Umständen die Strafverfolgung ereilt hätte, ist richtig, doch der Faschismus ist auf dem Schlachtfeld unterlegen.“ Der Abgeordnete rief in Erinnerung, dass Ilja Ehrenburg zusammen mit Wassili Grossman das Schwarzbuch über den Genozid an den sowjetischen Juden schuf, eine systematische Dokumentation über die planmäßige Ermordung jüdischer Sowjetbürger durch die Hitlerfaschisten.

Der NPD-Antrag zur Umbenennung der Ilja-Ehrenburg-Straße fand erwarteterweise keine Mehrheit in der Bürgerschaft. Allerdings traf er bezeichnenderweise auch nicht auf eine geschlossene Ablehnung aller anderen Fraktionen: Einige Abgeordnete der CDU-Fraktion enthielten sich oder verließen den Saal bei der Abstimmung. Es war ausschließlich der Umstand, dass durch dieses Verhalten der bisherige „Konsens“ einer Ächtung der Initiativen der NPD-Abgeordneten, unabhängig von ihrer inhaltlichen Stoßrichtung, gebrochen wurde, der in dem sozialdemokratischen Anti-NPD-Weblog Endstation Rechts als kritikwürdig befunden wurde. Somit führt – neben der CDU – auch das SPD-Organ ER vor Augen, dass die – in der Sache begrüßenswerte – Entscheidung der Bürgerschaft für den Erhalt der öffentlichen Präsenz des Namens Ilja Ehrenburgs in Rostock alles andere als einen antifaschistischen Konsens widerspiegelt.

„Ilja Ehrenburg bleibt“ – als Stachel im Fleisch nicht nur einer neonazistischen Minderheit, sondern auch derer, die sich lediglich aus Gründen der Political Correctness – um nicht mit zwei kleinen Neonazis in eins gesetzt zu werden – eines Angriffs auf die öffentliche Erinnerung an einen großen Antifaschisten tunlichst enthalten haben.

Daniel Leon Schikora

Sagt NEIN! – Wolfgang Borchert schrieb gegen Krieg und Vergessen an

Es ist mehr als eine Anstandspflicht, an den 90. Geburtstag von Wolfgang Borchert und an sein literarisches Vermächtnis zu erinnern. Wir sind es ihm, aber nicht minder uns selbst schuldig, den heutigen Generationen.

Wolfgang Borchert blieben nur wenige Jahre, schreibend der Wahrheit über soeben erlebte Geschichte auf die Spur zu kommen. Er verstarb 26-jährig im November 1947. Die Jahre seiner intensiven schriftstellerischen Arbeit waren ein unerbittlicher, oft qualvoller Wettlauf mit einer tückischn Krankheit, gegen die er verlor. Da hatte er ein Werk hinterlassen, das gegen die sich nach der Niederlage des Faschismus ausbreitende Sucht, die Vergangenheit vergessen zu wollen, anschrieb. Damals eine unerhörte Herausforderung, zwingt sie uns heute zu der Frage, wieviel das Wort des Dichters für den Lauf der gesellschaftlichen Wirklichkeit wiegt? Steht es für die Vergeblichkeit von Vernunft, weil die letzten Worte, die Wolfgang Borchert schrieb, der Appell an die Menschen, sagt NEIN zu Krieg, nicht das bestimmende Gehör fand? Weiter gehts hier.

Kundgebung zum 66. Jahrestag der Befreiung in Rostock

Bereits eine halbe Stunde, vor dem offiziellem Beginn der Kundgebung, trafen bereits die ersten Antifaschist_Innen am Ehrenfriedhof der bei der Befreiung Rostocks gefallene Rotarmist_Innen am Puschkinplatz ein. Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschist_Innen Rostock hatte zur jährlichen Veranstaltung eingeladen. Die Infostände der linksjugend [’solid] Rostock und der VVN-BdA M-V BO Jugend wurden langsam aufgebaut. Neben der kostenlos verteilten Tageszeitung Junge Welt gab es jede Menge Infomaterial und T-Shirts. Eine besondere Überraschung: neben vielen Rostocker_Innen waren auch Freund_Innen aus Greifswald gekommen.

Bild: Transparent der VVN-BdA BO Jugend

Außer den etwa 100 Kundgebungsteilnehmer_Innen fanden sich auch zwei Beamte der Polizei ein, um die Kundgebung vor Störenfriede zu schützen. Skeptisch beäugt wurden auch die infostände, besonderes Interesse weckte bei der jungen Dame in der schwarzen Uniform offenbar ein T-Shirt der Doberaner Punkband Initiative Kantholz mit der Aufschirft “Nazis und Bullen den Kampf ansagen”. Regungslos guckte sie sich die ausliegenden Shirts an, winkte schließlich ihren Kollegen zu, dem das Ganze aber wenig zu interessieren schien. Grummelnd liefen die Staatsdiener anschließend eine weitere Runde um den Ehrenfriedhof.

Bild: Ida Schillen während ihrer Eröffnungsrede

Um 10Uhr eröffnete Ida Schilen, Vorsitzende der VVN-BdA Rostock, die Gedenkkundgebung mit einer kurzen Rede. Neben Landtagsabgeordneten wie Regine Lück (DIE LINKE), sprachen unter anderem auch Nico Burmeister, Vorsitzender der Basisorganisation Jugend der VVN-BdA M-V und die Präsidentin der Rostocker Bürgerschaft Karina Jens (CDU): “Wir deutschen haben aus unsere Vergangenheit gelernt.”. Zwischen den Rede spielten Mitglieder der jüdischen Gemeinde passende Musik, die der ganzen Veranstaltung einen würdigen Rahmen gaben.
Bedächtig aber entschlossen gingen junge wie alte Menschen zum Abschluss der Veranstaltung über den Friedhof und legten ihre mitgebrachten Pflanzen auf die Gräber der gefallenen Rotarmist_Innen.

Bild: Karina Jens, Wolfgang Methling (MdL) und Ida Schillen (von l. nach r.) während einer Schweigeminute vor dem Gedenkstein


Bild: Wolfgang Methling (MdL) legt Blumen an einem Grabstein der gefallenen Rotamristen nieder


Bild: Jung und Alt legten gemeinsam Blumen nieder

Gut eine Stunde nach dem Beginn endete die traditionelle Gedenkkundgebung in Rostock. Am Nachmittag fuhren einige Anwesende nach Demmin, um auch dort ein Zeichen gegen Faschismus zu setzen, indem sie sich dem geschichtsrevisionistischen Aufmarsch Rechtsradikaler entgegenstellte.




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